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LKW-Blockaden regen zum Nachdenken an

Der Krieg unter Armen, oder: Wem nützt der Transportwahnsinn? 

(ML) Frächterchef Hans Erlacher steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. Ein paar Tage LKW-Blockade und schon geht ein Land in die Knie und schmeißt den LKW-Unternehmen Steuervergünstigungen und Mautreduktionen in den Rachen.  Diejenigen, die stets nur den LKW verteufeln, so der LKW-Lobbyist Erlacher, hätten nun gesehen, wie unabdingbar es ist, dass er und die seinen auf Teufel komm raus fahren.

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Am Brenner geht’s rund – nur, wem nützt das?   (Foto: Leo Angerer)

Nur: wem nutzt das? Die kleinen Frächter und Transportunternehmer nagen am Hungertuch und gehen eher heute als morgen in Konkurs, weil sie – so hören wir von Erlacher immer wieder – der Konkurrenz aus den Billigländern kaum mehr stand halten können. Das kommt davon: Wenn man überall uneingeschränkt fahren will, muss man auch uneingeschränkt fahren lassen.

Nutzt das aufopferungsvolle Bemühen der kleinen LKW-Unternehmer um noch liberalere und kostengünstigere Rahmenbedingungen dann zumindest „der Wirtschaft“? Nein, „der Wirtschaft“ ganz gewiss nicht. Den großen vielleicht, den Konzernen. Aber von denen hat niemand mehr was: Sie zahlen keine Steuern, betreiben Sozialdumping und Standortjumping, erpressen ganze Staaten. Sie lassen sich Neuansiedlungen fürstlich bezahlen, um dann ein paar Jahre an einem Ort zu bleiben, bevor sie an den nächsten Billigstandort weiterziehen. Und sie finden noch andere Großsponsoren: wir dummen Steuerzahler bezahlen ihnen auch noch ihre Betriebsmittel, als Dank dafür, dass sie die Arbeitsplätze der mittelständischen Wirtschaft vernichten, bzw. exportieren.

Während die klein- und mittelständische Wirtschaft jede Schraube selber bezahlen muss, können sich die Konzerne auf Steuermittel verlassen. Die von uns mit über 70% der tatsächlichen Kosten aus dem Steuersäckel bezahlten Autobahnen sind – so hat es Prof. Knoflacher formuliert – die Förderbänder der Konzerne. Über 70% der Transporte die weltweit durchgeführt werden, sind Transporte zwischen verschiedenen Konzernstandorten.

Dabei werden Rohmaterialien und Halbfertigwaren bzw. Produktkomponenten von Ort zu Ort gekarrt und es ist überhaupt kein Problem, wenn die einzelnen Verarbeitungsschritte an Standorten durchgeführt werden, die zig-tausende Kilometer voneinander entfernt liegen. Es ist auf jeden Fall billiger, den Krempel kreuz und quer durch die Welt zu fahren, als ihn einzulagern. Es ist absolut kein Vorteil mehr, komplexe Produktionsprozesse an möglichst wenigen Orten zu konzentrieren.

Klein- und mittelständische Unternehmen leiden unter dieser Entwicklung. Sie sind mit jedem Produkt jedes Produzenten an jedem Punkt der Welt in Konkurrenz und können gegen die Kolosse nur verlieren. Denn die Konzerne kriegen billiges Geld, zahlen kaum Steuern und „investieren“ viel in die Beziehungen in die Politik. Damit können sie die Spielregeln des Wirtschaftsalltages selbst bestimmen und arbeiten noch wirksamer in die eigenen Taschen.

„Die Wirtschaft“ gibt es nicht. Es gibt die Kolosse, die wertelosen, nur und ausschließlich am Profit orientierten Konzerne, die man nicht zu fassen kriegt, wenn man sie an ihre Verantwortung erinnern will. In allen Verfassungen Europas ist eine mehr oder weniger akzentuierte Sozialbindung des Kapitals festgeschrieben. Darüber setzen sich die Konzerne täglich hinweg.

Die klein- und mittelständische Wirtschaft ist auf einem Auge blind. Sie nimmt nicht wahr, dass sie von den Konzernen ausgesaugt wird oder bestenfalls ein paar Krümel des Wertschöpfungskuchens für sie übrig bleiben. Und auch das nur, solange diese Nische nicht von einem Großen als Geschäftsfeld entdeckt wird. Aber anstatt sich mit den Konsumenten, den Mitarbeitern, den Sozialpartnern und den Politikern zu verbünden und die Macht der Konzerne einzuschränken, lässt sich die klein- und mittelständische Wirtschaft unter dem Deckmantel einer diffusen „Wirtschaftsidentität“ und in unreflektierter Kollegialität von den Großen vor den Karren spannen.

Die klein- und mittelständische Wirtschaft betet jeden Montezemolo- und Piech-Schmarrn nach, der irgendwie nach Freiraum für die Wirtschaft klingt, ohne dabei zu bedenken, dass die schrankenlose Freiheit und die Subventionierung von Infrastrukturen, bzw. die mit Steuergeld mögliche Verbilligung der Transporte nur den Großen nutzt.

Auch im Transportgewerbe verhält es sich nach dieser Logik. Die Konkurrenten für die kleinen Erlachers und Co.s sind ja nicht kleine Sacharows und deren Partner sondern große Transportkonzerne aus dem Westen, die armen Schluckern aus dem Osten ihre LKWs verleasen und sie für einen Hungerlohn und unter Umgehung sämtlicher Sozialauflagen durch die Pampa jagen. Die großen Fische im Transportgewerbe interessiert ja der LKW nicht, mit dem soll fahren wer will, bzw. wer es am billigsten erledigt. Nur billig muss es sein. Denn die großen Transport-Fische kontrollieren die Waren und erpressen die padroncini und Erlacherlein: Wenn Du nicht zum Preis von X fährst, mein Lieber, dann fährt halt der X und nicht Du!

Hier wird ein Krieg unter Armen angezettelt, damit niemand drauf kommt, wer der wirklich große Abzocker ist. Erlacher und die seinen spüren den Druck und geben ihn weiter: Lieber Gustl, heißt es dann, wenn Du für mich fährst, wird das zu teuer, ich stelle jetzt den Slavko ein, der fährt um 1.000.- € im Monat. Eine Abwärtsspirale, bei der er nur Verlierer gibt!

Die big player reiben sich die Hände und Erlacher und die seinen schaffen es nicht mehr, die Kredite zurückzuzahlen, für die sie eh schon doppelt so viel Zinsen zahlen wie die Großen. Wie gesagt: Eine Abwärtsspirale ohne Ende.

Wann wir die klein- und mittelständische Wirtschaft endlich aufwachen?

Wir ökosozialen Transit- und Globalisierungsgegner stehen für gemeinsamen Erkenntnisgewinn und Kooperationen zur Verfügung, die die klein- und mittelständische Wirtschaft stärken, den Transportwahnsinn einschränken und den Umbau der Wirtschaftsweise in mehr ökosoziale Nachhaltigkeit fördern. Die klein- und mittelständische Wirtschaft sollte keine diesbezüglichen Berührungsängste haben, denn sie kann davon nur profitieren. Wäre das nicht eine Idee für die „Wirtschaftszeitung“, nächstens ein Forum zu organisieren, bei dem sich ökosoziale Ideen und die Bedürfnisse der klein- und mittelständischen Wirtschaft treffen?

Um die Bedürfnisse der „Großen“ brauchen wir uns ja alle nicht zu kümmern, oder?

Add comment Februar 4, 2008


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